Ayas Blog

Das Mädchen aus dem Schloss

 

Mein Name ist Aya Velázquez. Ich fahre Rad, beziehe Ökostrom, ernähre mich vegan und wähle links. Eine Gutmenschin? Konträr zu diesem eher aufgeräumten Teil meines Selbst gibt es aber noch eine andere Seite, dunkel, bedrohlich und erregend. Ich mag lustvolle Spiele der Unterwerfung und erotische Entgleisungen. Wie passt das zusammen? Wie kommt es, dass mich Dunkles, Schattenhaftes, Tabuisiertes anmacht? Angesichts der Tatsache, dass ich mit meiner Neigung nicht allein dastehe und spätestens seit dem Erfolg von „Fifty Shades of Grey“, BDSM-Praktiken vollkommen im Mainstream angekommen sind, stellt sich mir die Frage: Was reizt uns so sehr an Dominanz und Unterwerfung, Kontrolle und Hingabe, am Benutzen und am Ausgeliefertsein?

Warum sind wir nicht einfach happy mit Blümchen-Sex, warum erregen uns Fantasien, die Normen überschreiten, und mit unserem Alltags-Ich und unserem Selbstbild eigentlich nicht vereinbar sind?
Ich habe nach Antworten gesucht - jenseits von Platitüden à la „Manche mögen's halt ein wenig härter“.


 

Zeit für einen ehrlichen Blick in den Spiegel
 

Meine ersten BDSM-Fantasien hatte ich im zarten Alter von sechs Jahren. Zu einer Zeit, als ich allenfalls rudimentäre Vorstellungen davon hatte, was überhaupt Sex war. Als Fünfjährige war ich von meinen Eltern kindgerecht aufgeklärt worden, im Sinne von „Wenn zwei Erwachsene sich ganz doll lieb haben“. Es löste nichts in mir aus, außer einer latenten Befremdung.

 

Bald darauf ging ich zur Schule. Am letzten Schultag nach der Zeugnisausgabe las uns die Lehrerin eine Geschichte vor. Es ging um ein Mädchen, das sich allein in einem dunklen Wald verirrte und plötzlich zu einem großen Schloss kam. Es hätte eine spannende Spukgeschichte werden können, in der Art, wie Kinder sie lieben: mit grusligen Geistern in allen Ecken und einem spannenden Geheimnis aus der Vergangenheit, das das Mädchen lüften muss. Aber dazu kam es nicht; die Pausenglocke läutete, es war Ferienbeginn. Die Geschichte blieb unvollendet, ließ mich aber nicht los. Etwas an der Vorstellung eines Mädchens allein in einem großen Schloss erregte mich. Nachts in meinem Bett spann ich die Geschichte weiter. Die Bettdecke zwischen meinen Beinen, wurde ich das Mädchen, einsam, gefangen und ausgeliefert. In den altehrwürdigen Gemäuern lauerte etwas, das mich verschlingen wollte. Eine dunkle Kraft, die mich fortan besaß und verbotene Dinge mit mir tat. In meinen immer opulenter werdenden Fantasien war es ein Hybrid aus Mensch, Maschine und Monster, das mich da als sein kleines Spielzeug hielt. Ich wurde in Kerker gesperrt. Ich wurde berührt, gefesselt, geknebelt, benutzt. Es fielen Sätze wie „Hier drin kann ich mit dir machen, was ich will.“ und „Deine Eltern werden nie davon erfahren.“ Ich liebte dieses Monster. Es war mein erster, dunkler Liebhaber. Ein starkes erotisches Gefühl brach fortan Nacht für Nacht in meinen Schloss-Fantasien ebenso prickelnd wie verstörend über mich herein.


 

Eine praktische Fantasie für ein gutes katholisches Mädchen
 

Ein Jahr später hatte ich Gewissensbisse. Im Zuge der voranschreitenden, christlichen Sozialisierung hatte sich unweigerlich ein Gefühl von Schuld eingestellt. Das Gefühl, sich beschmutzt zu haben, etwas Dreckiges, Sündiges und Verbotenes erdacht und gleichermaßen erschaffen zu haben. Rückblickend betrachtet, war die fortwährende Opferrolle in meinen Fantasien auch ein moralischer Schutzschild - ich hatte nie selbst gesündigt. Eine praktische Fantasie für ein gutes katholisches Mädchen.

Ohne dass meine frühkindlichen Fantasien je gerügt, geschweige denn zur Kenntnis genommen wurden, zog ich die Tatsache, dass sie nicht der Norm entsprachen, aus dem Äther. Ein kindlich-intuitives Erspüren herrschender Moralvorstellungen, die sich mit den dunklen Katakomben meiner Innenwelt nicht vertrugen.

Meine Fantasien hätten in ihrer Bildsprache jedem Marquis-de-Sade-Roman entsprungen sein können. Sie waren eher da als meine Sozialisierung. Sie waren vor allen Schicksalsschlägen da, die wie in jedem Leben folgen sollten, vor jeder Moralerziehung. Ich hatte noch kein Trauma zu überwinden und noch kein starkes Über-Ich aufgebaut, gegen das ich hätte rebellieren müssen. Gefühlt waren diese meine Neigungen schon immer Teil von mir, Teil meiner Essenz, meiner erotischen Identität.

 

You f***ing bitch! You ***** *****!“
 

Viele Jahre war mir das nicht bewusst. Ich hatte „normalen“ Sex, aber dabei nie Orgasmen. In meiner eigenen Fantasiewelt waren Grenzüberschreitungen und Normverletzungen ein wichtiges Vehikel meiner Lust – etwas, für das ich mich schämte, das ich aber auch gleichzeitig unbedingt brauchte, um mich zum Höhepunkt zu bringen. Obwohl ich auch erfuhr, welch tiefe Wonne in einer liebevollen, wertschätzenden, romantischen Vereinigung liegt, hatte ich meinen ersten Orgasmus mit einem Mann bei Sex, den ich aus heutiger Sicht als "konsensuelles Rape Game" bezeichnen würde. 

Ein Amerikaner. Ich hatte ihn mit Anfang 20 im Flugzeug auf dem Weg nach Rio de Janeiro kennengelernt. Wir waren zusammen in seinem Hotelzimmer an der Cobacabana. Wir hatten nichts vereinbart, nichts abgesprochen, es gab kein Safeword. Es war alles andere als romantischer Vanilla-Sex. Er beschimpfte mich, während er es tat: „You f***ing bitch! You ***** *****!“ Ich erschrak, wie sehr es mir gefiel. Ich erschrak, als ich schließlich mit der vollen Wucht einer Tsunamiwelle kam. Danach gingen wir friedlich zusammen ins Restaurant essen und verstanden uns wunderbar. Augenhöhe, gegenseitiger Respekt.

Ein erster Aha-Moment. Es sollten weitere folgen. 


Die Frage, woher bei mir der Hang zur lustvollen Unterwerfung nun kommt, kann ich eigentlich nur genauso achselzuckend beantworten wie mein Lieblings-Dom, der mich fesselt, knebelt, mir ins Gesicht spuckt und mich danach seine Stiefel küssen lässt. Vermutlich werde ich mir diese Frage nie vollständig erklären können, ebensowenig wie er. Und dennoch bewegt sie mich. Sie geht bis an die Wurzel unseres Menschseins, und zwar an den Teil, den wir so gerne ausblenden, verdrängen und weghaben wollen.

 

Im Garten der Lüste

Erkenntnisse der Epigenetik legen nahe, dass Erfahrungen auf unser Erbgut zurückwirken können. Wir können psychologische Mechanismen weitervererben. Die Fähigkeit, mit Leid umgehen zu können, ist vermutlich ein Überlebensfaktor. BDSM-Praktiken reichen sehr weit in unsere kulturgeschichtliche Vergangenheit zurück. Vielleicht geboren aus der Notwendigkeit heraus, einen Teil unseres Selbst zu integrieren, der dunkler und unzähmbarer ist, als uns lieb ist.

Ein Kunde schenkte mir einen Satz: Jede/r von uns ist gleichermaßen zu Woodstock und zu Auschwitz befähigt.

Das volle Spektrum des Mensch-Seins steckt in uns, in seiner ganzen Schönheit und Grausamkeit. Wir sind Liebende und Mörder. Wir sind Überlebende. Wir sind die Nachfahren der Sieger, und der Verlierer.
 

Diese Erkenntnis fühlt sich befreiend für mich an. Und befähigt mich, Mitgefühl zu empfinden mit denjenigen, die im Hier und Jetzt echten Schmerz erleiden müssen. Die dabei nicht Lust, sondern nackte Angst empfinden. Es ist ein Privileg, den dunklen Aspekt, den Schatten freiwillig umarmen zu können, anstatt ihn erzwungenermaßen zu erdulden. Das ist mir schmerzlich bewusst.   


Im Garten der Lüste gibt es die Welt der Götter, die der Menschen und die der tiefsten Höllen. Es liegt etwas zutiefst Zerbrechliches, Transformierendes und Heilsames in Praktiken des BDSM. Für mich sind sie ein Weg, die Welt in ihrem So-Sein zu lieben.


 

Es grüßt Sie herzlich

Das Mädchen aus dem Schloss